Ungebetene Nachfolger

by admin on 8. Januar 2013

Ungebetene Nachfolger – an jeder Ecke in China

Grundsätzlich genießt man in China als Ausländer einen besonderen Exotenstatus. Die Visa-Politik ist recht aufwändig und es kommen nicht viele Touristen in die Volksrepublik China. Es werden nicht unbedingt viele billige Arbeitskräfte ins Land geholt, denn davon hat man eigentlich bereits genug vor Ort. Lediglich für bestimmte Berufe, die spezielles Know-How erfordern, werden entsprechende Visa vergeben. Der Prozess ist jedoch nicht gerade einfach. Kurz gesagt: es gibt prozentual gesehen wenige Ausländer in China. In größeren Städten wie Beijing, Shanghai oder Shenzhen mag man ein paar mehr antreffen, sowie man jedoch diese Zentren verlässt, sieht man häufig nur noch nahezu 100% chinesische Einheimische.


Diese Situation führt natürlich dazu, dass Ausländer als interessant und weise angesehen werden. Im Durchschnitt mag der Bildungsgrad und Erfahrungsschatz eines Westeuropäers oder Amerikaners, der sich in der Volksrepublik China aufhält, eben auch deutlich höher sein als es bei den meisten Einheimischen der Fall ist. Daher sind viele Chinesen, besonders jüngere, sehr daran interessiert, mit Ausländern in Kontakt zu treten. Meistens verläuft dies recht freundlich und eher angenehm ab. Häufig beschränkt es sich auf ein Foto einer schüchternen Chinesin mit dem interessanten Westler oder sogar nur einem kurzen „Hello“ und einem scheuen Blick.

Den meisten Einheimischen fehlt die entsprechende Basis, um auf Englisch (deutsch oder einer anderen Sprache außer chinesisch) zu kommunizieren. Wer als Ausländer also des Chinesischen nicht mächtig ist, wird nicht ohne weiteres mit Chinesen sprechen können. Es gibt jedoch noch eine spezielle Gruppe, mit der es nicht unbedingt immer angenehm vonstatten geht. Es kann am Anfang recht amüsant sein, allerdings auch irgendwann ziemlich lästig werden. Die Rede ist von den ungebetenen Nachfolgern. Es gibt prozentual recht wenige, diese wenigen können einem jedoch schon ein paar Nerven rauben.

Heute wollte ich beispielsweise lediglich schnell eine Zwiebel beim Uni-Shop einkaufen, machte mich also auf den Weg dorthin und hatte sie auch recht schnell gesichtet (3CNY für eine große rote). Dort allerdings hatte mich schnell einer der „Stalker“ aufgespürt, leider sogar der schlimmste, den ich bis dato kennengelernt hatte. Er war nicht einmal einer meiner Studenten, wusste allerdings, dass ich hier an der Uni als Englischlehrer arbeite. Dies war für ihn Grund genug, auf mich einzureden, wie gut er Englisch und andere Sprachen findet und dass er ganz viel lernen will und auch seine Aussprache verbessern möchte… dass er in verschiedenen Englischclubs aktiv ist und was die so machen und dass er auch meinen Nachbarn kennt, der aus Japan kennt und bla bla bla. Dass ich mein Handy zückte und gleichzeitig mit meiner Freundin kommunizierte und den Zwiebel-Deal im Geschäft klarmachte, störte ihn dabei nicht sehr.

Mein Heimweg wurde auch gleichzeitig sein bevorzugter Weg für seinen Spaziergang an meiner Seite. Sein Sermon wollte nicht anhalten, es sei denn, er wollte auch wieder von mir etwas hören, weil er – seinen Worten nach – auch sein Hörverständnis verbessern wollte. Selbst bei meiner Haustür angekommen wollte er nicht aufhören, sondern mit mir in die Wohnung kommen. Gegen höfliches Zurückweisen war er scheinbar immun. Er tat dies, was ich schon das ein oder andere Mal in China kennengelernt habe. Wenn die Antwort nein ist, macht man gerne ein leicht schnalzendes Geräusch mit der Zunge und erklärt es zum ja.

Ich verabschiedete mich von ihm und er schien auch kurz darüber nachzudenken, zu seinem Studentenquartier zurückzukehren. Dann allerdings entschied er sich, mir trotz vollendetem Abschiednehmens die Treppe hoch zu folgen und weiter Fragen zu stellen. Er wollte nicht akzeptieren, dass derzeit die heiße Phase ist, in der ich tatsächlich sehr damit beschäftigt bin, Noten für hunderte von Studenten zu vergeben, hochzuladen, zu kommentieren und zu prüfen. Erst als ich dann letztendlich die Tür vor ihm zumachte, schien er die Botschaft zu akzeptieren. Er würde mich allerdings nicht überraschen, wenn seine Kontaktfreudigkeit über den digitalen Messenger (QQ) oder in sonstiger Form weitergeht. Es wäre nicht das erste Mal. Ich bin gespannt…

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